Rudelverhalten und Aggression

Hunde sind Hunde! Das mag ein wenig banal klingen, sollte aber immer wieder betont werden. Vielen Menschen sind die Vierbeiner derart ans Herz gewachsen, dass es ihnen schwerfällt, sich deren Grenzen und Fähigkeiten bewusst zu machen. Hunde sind eine wundervolle Kombination aus Instinkt und Erziehung, angeborenem Verhalten und Erlerntem. Fast jede ihrer Verhaltensweisen hat in der Wildnis einen Sinn, sie ermöglicht die Fortpflanzung und das Überleben der Rasse. Leben Hunde jedoch mit Menschen zusammen, müssen sie begreifen lernen, wann und wo sie ihr natürliches Verhalten ausleben können.

Hunde sind Gemeinschaftswesen: Sie wollen sich in das Rudel einfügen und Teil einer Gruppe sein. In der Wildnis würde ein einzelner Hund  oder ein Wolf nur mit Mühe Überleben, da er es nicht gelernt hat, alleine zu jagen. Aus diesem Grund unterwirft sich ein freilebendes Rudel auch einer strengen sozialen Hierarchie; diese legt fest, welches Rudelmitglied Nachkommen zeugen und wer zuerst von der erlegten Beute fressen darf.

Selbstverständlich gibt es innerhalb eines Rudels auch Auseinandersetzungen. Für das Fortbestehen des Rudels wäre es sehr hinderlich, würden sich die Hunde gegenseitig verletzen. Deshalb entwickelten sie eine Reihe von Ritualen, um Konflikte ohne Blutvergießen zu lösen. Diese theatralische Form der Körper- und Gesichtssprache ist ein wirksames Kommunikationsmittel, dem Gegenüber die gegenseitigen Absichten und Antworten zu Übermitteln.

Natürliche Aggression

Aggressives Verhalten (lat. aggredi - Angreifen, in Angriff nehmen, darangehen) steht eng im Zusammenhang mit Angriffs-, Flucht- und Verteidigungsverhaltensweisen des Hundes. Geprägt auf die Sozialstruktur Rudel, ist der Hund auf die Kooperation in diesem hierarchischen System angewiesen, um seinen individuellen Nutzen (Erfolg z.B. Futteranteil) zu haben. Damit ist ein Konkurrenzverhalten unter den Individuen einer solchen Gruppe durchaus Normalität. Das Gleiche gilt auch uneingeschränkt für die Rudelkonfiguration Mensch- Hund. Das diesbezüglich signifikanteste Verhalten von Wölfen und Hunden ist ein ausgeklügeltes Droh- u. Kampfverhalten, welches gemeinsam mit dem Zusammenleben- und arbeiten der Individuen dieser Gruppe zur Wahrung einer sozialen Hierarchie führt.

Man kann dieses Droh- u. Kampfverhalten durchaus als aggressive Kommunikation sehen. Allerdings ist der Kampf nur eine höhere Aggressionsstufe innerhalb dieser komplexen und ritualisierten Kommunikationsform. Stehen sich nun zwei streitbare Hunde gegenüber, so kommt es zuerst zum Austausch sogenannter Kommentkampfaktionen. Bei dieser ritualisierten Kampfform wird durch die Kontrahenten eine, für beide i.d.R. vorhersehbare und festgelegte, Abfolge von Verhaltensweisen eingesetzt. Ziel hierbei ist es, den Gegner aufgrund der Zurschaustellung der eigenen Kraft, des eigenen Status u. der Geschicklichkeit zu beeindrucken, ohne dass es zu Verletzungen kommt.

Studien an wild lebenden Wölfen haben diesbezüglich die gängige These dass ”Nur der Stärkste überlebt” eindeutig widerlegt. Bereits die Evolution hat uns deutlich vorgeführt, dass langfristig stets nur die am besten angepassten (Umwelt, Konkurrenz) Arten überleben. Hinsichtlich des Aggressionsverhaltens von Wölfen, und demzufolge auch dem von Hunden, lässt sich hier nun eine einfache Brücke schlagen. Jede aktive Kampfhandlung bedeutet für alle beteiligten Tieren ein erhebliches Verletzungsrisiko sowie eine körperliche Schwächung. Daraus resultiert möglicherweise eine Gefährdung des gesamten Rudels. Wer jedoch die rituelle Darstellung einerseits von Kraft u. Überlegenheit, andererseits auch der Stressminderung und Beschwichtigung beherrscht, der erhält sich in logischer Konsequenz seine Kraft, Konstitution und körperliche Unversehrtheit, sowie seinen Rang mit den damit verbundenen Ressourcen.

Bleibt jedoch eine Aktion ohne Erfolg (Gegner weiterhin unbeeindruckt oder der Hund hat diese Signale nie gelernt), so kann der Kommentkampf in die höheren Stufen bis hin zum Beschädigungskampf eskalieren, was jedoch von zahlreichen Faktoren abhängig ist (z. B. Motivation-, aktuelle Physis und Psyche-, Charakter der beteiligten Individuen usm.).

Wie bereits erwähnt, beinhaltet dieses aggressive Kommunikationsritual ebenfalls Verhaltensweisen, welche dem Stressabbau des Individuums bzw. der Beschwichtigung des als überlegen anerkannten Gegners dienen. Grundsätzlich führt der Hund in einer Bedrohungssituation (Stressreaktion des Körpers) eine stete Abwägung zwischen Sinn und Nutzen (z. B. Wertigkeit von Ressourcen wie z. B. Futter) relativ zum Risiko der eigenen körperlichen Schädigung durch einen eventuellen Kampf durch.

„Bedrohungsfall“

Machen wir uns unbedingt bewusst, das der Grad der Bedrohlichkeit einer x-beliebigen Situation, welchen der Hund dieser Situation zuordnet, nicht unbedingt unserer menschlichen Bedrohungsvermutung entspricht - wenn der Hund diese Situation aus seiner Sicht als bedrohlich bewertet (und das können nach unseren menschlichen Maßstäben völlig banale und harmlose Situationen sein), dann wird sein natürliche Aggressionsverhalten ausgelöst.

Ein typisches Szenario: Ein frei laufender Hund nähert sich nahezu frontal einem angeleinten Hund oder gar einem ganzen Rudel und erreicht bzw. unterschreitet die Fluchtdistanz des Rudels. Die frontale Annäherung wird als individuelle Bedrohung eingestuft (artspezifisches natürliches Verhalten).

Fühlt sich der Hund bedroht, so hat er prinzipiell die folgenden Möglichkeiten, auf diese Bedrohung zu reagieren:

  1. Je nach Charakter und Analyse der Effizienz wird der Hund eine Flucht (Wiederherstellung einer sicheren Distanz zur erkannten Bedrohung) in Erwägung ziehen. Da er angeleint ist, oder die „Sicherheit“ des Rudels verspürt und der andere Hund sich weiter nähert, wird er diese Wahl jedoch nicht treffen.
  2. Es gibt wenige Hunde, die in dieser Situation ”Erstarren” würden. Erstarren ist im Tierreich nicht unbedingt eine typische Verhaltensweise eines Beutegreifers. Das Erstarren dient eher dazu, dass ein Tier vom Beutegreifer bzw. der Bedrohung optisch nicht wahrgenommen wird. Der Hund wird aufgrund der geringen Distanz und der steten Annäherung auch diese Entscheidung nicht treffen.
  3. Gelegentlich greift der Hund nun zu Übersprungshandlungen. Diese Handlungen (z. B. Kratzen) dienen dem eigenen Stressabbau, bereinigen jedoch die Bedrohungslage nicht, und diese Bedrohung kommt stetig näher.
  4. Die letzte Option ist nun das offensive Verhalten - Entweder soll die Bedrohung dadurch wieder auf sichere Distanz getrieben, oder aber auch neutralisiert werden. Erfahrungen und Prägung des Hundes werden nun den Grad bzw. Verlauf der Aggression bestimmen.

Hunde schätzen ihre Gegner bzw. eine Bedrohung nach deren Drohsignale ein. Laut der Ethologin Frau Dr. Dorit Feddersen-Petersen führt die aggressive Kommunikation unter Hunden über drei Stufen - angefangen von der Drohung bis hin zur ungehemmten Beschädigung. Führt unter den Kontrahenten die jeweilige Eskalationsstufe zu keiner Erkenntnis darüber, welcher Aggressor der überlegene ist, so werden die Stufen des Drohverhaltens sukzessive eskaliert.

  1. Die erste Stufe der Aggression:
    • Distanzdrohen: Fixieren, Zähneblecken, Knurren, ...;
    • Distanzunterschreitung: Gelegentlicher Körperkontakt, gehemmtes Beißen, gezieltes Beißen, ....
  2. Die zweite Stufe der Aggression
    • Körperkontakt: Über die Schnauze Beißen, Ringkampf...;
    • Einschränkung der Bewegungsfreiheit: Queraufreiten, Über dem Gegner stehen, Herunterdrücken, Schieben, Abwehr auf dem Rücken,...;
  3. Die dritte Stufe der Aggression
    • Gehemmte Beschädigung: Anrempeln, Anspringen, Vorstoßen, gehemmtes Abwehrbeißen, gehemmtes Beißen,...
    • Ungehemmte Beschädigung: Beißen, Schütteln,....

Reagiert der sich nähernde Hund nicht auf die Signale und nähert sich weiter, so eskaliert er in dieser Situation. Viele werden sich jetzt fragen, was den der einzelne „friedliche“ und womöglich noch freudige Hund mit der Eskalation zu tun hat?

Zum Verständnis hierzu: Das Rudel ”spult” in kürzester Zeit seine natürliche Kommentkampfaktionen ab. Mit der Aufnahme des Distanzdrohens, hatte es der vermeintlichen Bedrohung gezeigt, dass es erst einmal nicht weichen wird. Diese aggressiven Kommentaktionen des Rudels werden in keinster Weise ”beantwortet”, d.h. mit seiner kommunikationslos fortgesetzten Annäherung, deutet der einzelne Hund seinerseits in den Augen des Rudels die Bereitschaft zur gesteigerten Aggression an. Entsprechend ”schaltet” das Rudel in die höheren Aggressionsstufen.

Hier kommt die Verantwortung der Hundeführer zum Tragen.